| Pressetext vom 10. Jänner 2003 Begehren: Szenische Uhraufführung
Beat Furrers Musiktheater in zehn Szenen "Begehren" nach Texten von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich wurde am 9. Jänner 2003, dem Eröffnungstag von Graz 2003 in der neugebauten Helmut List-Halle szenisch uraufgeführt und eröffnete damit Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas. Es inszenierte Reinhild Hoffmann, das Bühnenbild stammt von Zaha Hadid. Beat Furrer leitete das ensemble recherche. Ein Auftragswerk von steirischer herbst.
Als im September 2001 Beat Furrers drittes Musiktheater konzertant beim steirischen herbst im Grazer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, stand schnell die Frage im Raum, wie denn diese hochkomplexe, den Orpheus-Mythos in mehreren sprachlichen Ebenen simultan reflektierende Herausforderung für eine Bühne szenisch adäquat umzusetzen wäre. Denn nicht nur, dass sich "Begehren" einem narrativen Ablauf verweigert, lässt sich auch das enorm feine Netzwerk aus (auch elektronisch verräumlichten) Ensemble- und Chorklängen nur schwer einem bestimmten konkreten Gestus zuordnen.
Diese Komplexität nun szenisch aufzuschlüsseln, ohne sie einer gleichsam übergestülpten Geschichte zu opfern oder der Beliebigkeit der subjektiven Fantasie zu überlassen, war die Aufgabe von Reinhild Hoffmann und Zaha Hadid. Die sehr plastisch präsentierte und dem Ovid’schen Mythos von der Erweckung Eurydikes über den verbotenen Blick bis hin zur Zerreißung und dem Weiterleben im Klang selbst (bei Furrer symbolisiert durch die Flöte) folgende Rahmenhandlung bildet den äußeren Rahmen einer Theatersprache, die sich im inneren gleichsam symbiotisch mit der Klangästhetik Beat Furrers verbündet. Furrers Musik und Hoffmanns Choreographie gleichen beide einem ineinander verästelten fraktalen Gebilde, das, je tiefer man es zu betrachten begehrt, mehr und mehr Tiefenschichten der subjektiven Wahrnehmung freigibt. Hier wird - wenngleich oft nur einen Augenblick lang - vielleicht die eigentliche Intention dieser Orpheus-Interpretation präsent, ist Orpheus - sehr plastisch verkörpert von Johann Leutgeb - immer als Symbol der Kreativität, als das Urbild des Künstlers präsent, einer Künstlernatur, die in unstillbarer Neugierde das Wesen von Klang, Bewegung und Raum zu erhaschen versucht und es im Augenblick seiner Gegenwart bereits wieder verloren hat.
Die nur scheinbare Konstante in dieser theatralen Verästelung bildet das Bühnenbild Zaha Hadids. Zu Beginn noch regungslos und unscheinbar als Basis der tänzerischen Bewegungen dienend gewinnt es mit der Zeit mehr und mehr an Plastizität und wird so selbst zum Träger einer eigenen Dramaturgie. Ob als Graben, als zerklüftete Landschaft, als sehnsuchtvoll gen Himmel ragende Brücke oder als Lichtwolke deutbar, wird der in etwa ovale Bühnenraum selbst zum Sinnbild der Metamorphose.
Zwischen dem dauernden Strom an weiblichen und männlichen Leibern bewegen sich Er - Orpheus und Sie - Eurydike (Petra Hoffmann, mit berührend offener Stimme im Wust der pausenlosen Bewegungen). Sie agieren dabei in zumeist stilisiert langsamen, oft erstarrt erscheinenden Bewegungsmustern. Durch die sehr sauber abgestimmt Elektronik (Peter Böhm) zart verstärkt, wird die textliche Ebene dieser Orpheus-Interpretation (Furrer selbst bezeichnet es als Prüfung des Mythos) präsent gemacht. Hervorzuheben ist dabei vor allem die Präzision, mit der die beiden Protagonisten und das von Furrer selbst geleitete ensemble recherche in der akustisch hervorragend den Klang tragenden neugebauten Helmut List-Halle agieren. Dadurch gewinnt das musikalische, aber auch das szenische Geschehen bei aller Dichte und Komplexität eine enorme Leichtigkeit, wird die vermeintliche Sperrigkeit von Furrers Klangsprache zu Gunsten einer sehr plastisch sich präsentierenden Rhetorik aufgehoben, werden die gleichsam spiralförmig nach oben kreisenden Klangkaskaden oder die in gewaltiger Stille den Raum erlauschenden Ruhepole selbst zum Erzähler einer fast verschütteten Geschichte.
Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europa ist mit "Begehren" von Beat Furrer nicht nur ein hochklassiger Wurf gelungen, es wurde auch ein Qualitätsmaßstab für die folgenden Produktionen gesetzt. Graz 2003 hat unüberhörbar begonnen - als Kulturhauptstadt Europas.
Ort: Helmut List-Halle
Szenische Uraufführung: 09.01.2003, 20 Uhr
Weitere Aufführungen: 10., 11., 17., 18.01.2003 jeweils 20 Uhr
Musikalische Leitung: Beat Furrer
Regie und Choreographie: Reinhild Hoffmann
Bühnenbild: Zaha Hadid
Sopran: Petra Hoffmann
Sprecher: Johann Leutgeb
ensemble recherche und Gäste
Vokalensemble NOVA
Eine Koproduktion von steirischer herbst, RUHRtriennale
In Kooperation mit Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas
Hauptsponsor: ESTAG
Projektsponsor und Partner: bene, Pro Helvetia, Kanton Schaffhausen
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