GRAZ ZWEITAUSENDDREI Kulturhauptstadt Europas
HOME SITEMAP BLINDENGERECHTE VERSION ENGLISH

Projekte A-Z
A-D
E-H
I-N
O-T
U-Z
Genres
Kalender
Beiprogramm
Schulkooperationen
Programmnews-Archive

backforward
Programm


(für Vergrößerung anklicken)







Genre: Ausstellungen
Film/Foto/Neue Medien
Wissenschaft/Religion
Musik
Literatur


Das Sacher-Masoch-Festival

Das von der Neuen Galerie konzipierte Projekt "Das Sacher-Masoch-Festival" behandelte in der Ausstellung "Phantom der Lust. Visionen des Masochismus in der Kunst" sowie in der Veranstaltungsreihe "Masomania - Rhetoriken und Szenarien" die Bedeutung des Grazer Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch.

"Venus im Pelz" und "Psychopathia sexualis" - diese zwei Klassiker der Sexualliteratur - sind durch ihre Autoren unmittelbar mit Graz verbunden: Der in Lemberg geborene Leopold von Sacher-Masoch lebte seit 1854 für Jahrzehnte in Graz, habilitierte sich hier und lehrte Geschichte an der Universität. Sein Zeitgenosse Richard von Krafft-Ebing (1840-1902) setzte Sacher-Masochs Lebensthema in die Begrifflichkeit der Sexualpsychologie um. Wegen der weltweiten Wirkung des Begriffes Masochismus - neben dem Sadismus der populärste Beitrag zur Sexualliteratur - kann Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) mit Recht als eine der bedeutendsten Grazer Persönlichkeiten bezeichnet werden, der Kürzel S/M (Sadomaso) ist vielleicht das prägnanteste und bekannteste Zeichen im Reich der Sinne.

Den Roman "Venus im Pelz" (1869) schrieb Sacher-Masoch vorwiegend in Graz. Krafft-Ebing verwendete den Namen des Autors, um in seinem Standardwerk "Psychopathia sexualis" (ab 1890) ein bestimmtes Sexualverhalten, bei dem die Befriedigung an das Leiden oder an die Demütigung des Subjekts geknüpft ist, als Masochismus zu bezeichnen. Erstaunlicherweise wurden das Phänomen des Masochismus und Sacher-Masoch im Vergleich zur unüberschaubaren Zahl von Studien zum Sadismus und dem Marquis de Sade bisher eher selten auf ihre kulturtheoretische Bedeutung hin untersucht. Während in Frankreich Literatur- und KulturtheoretikerInnen und Kunstrichtungen wie der Surrealismus de Sade Hymnen und bedeutsame Abhandlungen widmeten, haben sich im deutschsprachigen Raum weder LiteratenInnen noch die Literaturwissenschaft, weder KünstlerInnen noch die Kulturtheorie in angemessener Weise um Werk und Wirkung Sacher-Masochs gekümmert. Die insbesondere von Frankreich und den USA ausgehende Wiederentdeckung Sacher-Masochs aber belegt die Notwendigkeit, auch im deutschsprachigen Kulturraum das Werk Sacher-Masochs zu würdigen. Die längst fällige Auseinandersetzung damit fand in Graz 2003 in Form einer großangelegten Ausstellung und eines Symposions sowie zahlreicher Konzerte, Performances, Filmvorführungen und Lesungen statt.
Dass der Name Sacher-Masochs von Krafft-Ebing zum Stigma einer sexuellen Perversion degradiert worden ist, hat ihn zeitlebens geschmerzt und ihm zudem beruflich und gesellschaftlich massiv geschadet. Dabei war es nicht allein die ohnehin eher diffuse Sexualität in seinen Werken, nicht sein monomanisches Umkreisen immergleicher Wonnen durch Erniedrigung, nicht seine Skandalerfolge mit den "Russischen Hofgeschichten" (1873/74) oder den "Messalinen Wiens" (1873), die ihn dem Kreuzfeuer bösartigster Angriffe aussetzten, es war ebenso seine Überheblichkeit gegenüber der Kritik, seine Stellung als Österreicher im preußischen Deutschland, sein Philosemitismus und seine für einen deutschsprachigen Autor erstaunlichen Erfolge in Frankreich nach 1870/71, die bis heute einen unvoreingenommenen Blick auf sein Werk verstellt haben. Auch die kaum zu überschauende Gesamtproduktion Sacher-Masochs stand einer gerechten Beurteilung im Wege. Denn schon zu Lebzeiten hatte er über einhundert selbstständige Publikationen vorzuweisen. Außerdem verfasste er Feuilletons, Theaterstücke, historische Betrachtungen und versuchte sich als Gründer diverser Zeitschriften.
Dass er in ihnen wie kaum ein anderer in eindringlichen, überaus anschaulichen Bildern das Leben einer längst vergangenen Zeit, einer längst vergangenen Welt, der Welt des Ostens, eingefangen hat und sich mit dem sozialen Gefüge des österreichischen Vielvölkerstaates auseinander setzte, ist nahezu vergessen. Sein "Vermächtnis Kains" etwa, seine "Judengeschichten" (1878 und 1881), seine "Polnischen Ghettogeschichten" (1886) und vor allem sein großer Roman "Der neue Hiob" (1878) lohnen denn auch, als frühe Beispiele einer realistischen Erzählart neu gelesen zu werden. Dass er zudem als Initiator des "Oberhessischen Vereins für Volksbildung" seine sozialreformerischen Ideen Wirklichkeit werden ließ, gehört ebenfalls zu den wenig bekannten Seiten eines Autors, dessen Name in die Nomenklatur der Sexualpathologie eingegangen ist und dessen Werk hinter einem Begriff verschwand, der eine weltweite Wirkung hat. Die Aspekte des Masochismus, ob unterschwellig aufscheinend oder bewusst diskutiert, sind äußerst vielfältig und die intensive Beschäftigung mit diesem Phänomen lässt sich natürlich nicht erst seit Sacher-Masoch beobachten. Machtbeziehungen dieser Art, das Verhältnis von "Herr und Knecht", wurden in der Philosophie (Hegel, Deleuze), der Literatur, der Kunst bis hin zu den Neuen Medien von jeher diskutiert, ebenso wie das populäre Thema der grausamen Frau und das immer noch tabuisierte der "Lust am Schmerz", die die Leitmotive des Masochismus darstellen. Trotz allem lastet auf dieser Thematik bis heute ein Tabu. Die sexuell konnotierten Demütigungsspiele, die Schmerzlust bis hin zur Todessehnsucht und eine Selbstaufgabe, die den eigenen Tod nicht ausschließt, überschreiten immer aufs Neue die Grenzen des Geschmacks, die Grenzen der Toleranz und des moralischen Empfindens, rücksichtslos und unersättlich, einzig darauf bedacht, den größtmöglichen Lustgewinn aus oft abstrusen und fast immer zwanghaften Phantasien zu ziehen. Hinter diesen sexuellen Planspielen lässt sich eine geheimnisvolle Wut erahnen, die Auskunft gibt über die Gesellschaft selbst, über ihre Anerkennung von Subjekt und Souveränität. Der Masochismus erscheint so nicht als individuelles Triebschicksal, sondern als soziales Strukturmerkmal.

Zur Ausstellung "Phantom der Lust. Visionen des Masochismus in der Kunst" erschien ein umfangreicher Katalog, welcher neben den verschiedenen Werken der teilnehmenden bzw. vertretenen KünstlerInnen eine Darstellung des Themas über wissenschaftliche Textbeiträge enthielt. Zudem gab deutsche Sacher-Masoch-Experte Michael Farin einen Sacher-Masoch-Band von Günter Brus neu heraus, in dem sich neben einem ausführlichen Dossier 18 Illustrationen des Grazer Künstlers finden, die dessen Auseinandersetzung mit Sacher-Masochs Welt und Wirken widerspiegeln.


Phantom der Lust. Visionen des Masochismus in der Kunst
Ausstellung, Neue Galerie Graz
Kurator: Peter Weibel, Michael Farin
Co-Kuratorinnen: Christa Steinle, Elisabeth Fiedler
Eröffnung: Freitag, 25. April 2003
26. April-24. August 2003
Künstlerliste
Beschreibung

Rhetoriken und Szenarien
Symposium
1.-4. Mai 2003
Neue Galerie Graz
Liste der ReferentInnen
.Programm (download als pdf)


Masomania
Events, Performances, Konzerte
1. Mai-24. August 2003
Neue Galerie Graz und andere Orte
.Programm (download als pdf)


Das Sacher-Masoch-Festival
26. April-24. August 2003
Neue Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum
Sackstraße 16, A-8010 Graz
T +43-316-82 91 55 / F +43-316-81 54 01
http://www.neuegalerie.at
neuegalerie@stmk.gv.at
Öffnungszeiten: Di-So 10.00-18.00 Uhr, Do 10.00-20.00 Uhr

Idee und Konzeption: Peter Weibel
Durchführung: Peter Weibel (Kurator), Christa Steinle, Elisabeth Fiedler (Co-Kuratorinnen), Peter Peer und Anke Orgel (Organisation), Sylvia Schneider (PR), Manfred Wolff-Plottegg (Ausstellungsarchitektur)
Wissenschaftliche Beratung: Michael Farin

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas in Kooperation mit der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum und in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Graz.

Datum:26.04.2003 - 24.08.2003
Ort:Neue Galerie





THEMENSPONSOREN:
  
 
PROJEKTSPONSOREN:
  
 
externe links:
http://www.neuegalerie.at
http://www.britishcouncil.at
http://www.stadtmuseum-graz.at




OFFICIAL PARTNERS
SPONSORED BY